Nutzen deutsche Verbraucher die Nährwertkennzeichnung? PDF Print E-mail
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Written by Dipl.-Kffr. Sophie Hieke, MBR   
Monday, 03 May 2010 15:45

ampel2Neue Studienergebnisse zeigen, dass die meisten Verbraucher Nährwertangaben auf Lebensmitteln nicht in ihre Kaufentscheidung einbeziehen. Die Fülle an Informationen wird zwar für gut befunden, in der Realität aber nicht genutzt.

 

Eine Umfrage der Fachhochschule Münster (Winter 2009/2010, N=841) zeigt, dass Verbraucher durchaus Wert legen auf Angaben zu Fett- und Zuckergehalt von Lebensmittelprodukten, insbesondere wenn es sich um ungesunde Kategorien wie Süßwaren, Fertiggerichte oder Softdrinks handelt. Einen wirklichen Einfluss auf die tatsächliche Kaufentscheidung hat die detaillierte Angabe von Nährwerten dann allerdings nicht.

 

Zentrale Studienergebnisse

So halten die Autoren fest, dass "die Fähigkeit, nährwertbezogene Angaben verstehen und interpretieren zu können als wichtiger Faktor in der Nutzung von Nährwertkennzeichnungen zu sehen ist". Befragt nach dem eigenen Ernährungswissen geben lediglich 50% der Teilnehmer an, sich mit Kalorien, Fett und Zucker auszukennen. Diese Werte nehmen für gesättigte Fettsäuren sowie Salz bzw. Sodium rapide ab. Unter Einberechnung einer generellen Überschätzung des eigenen Wissensstandes (so genannte overconfidence) sind diese Werte als alarmierend einzustufen.

Im Rahmen der Studie wurden die Testpersonen zuerst zu ihrer eigenen Einschätzung bzgl. der momentan am häufigsten auf Produkten zu findenden percent GDA (guideline daily amounts) befragt, bevor ihre Anwendung anhand verschiedener Produktvergleiche abgetestet wurde. Interessanter Weise stimmen hier die eigene Einschätzung (mehr als 1/3 finden GDAs zu kompliziert und verwirrend, während nur weitere 30% das Kennzeichnungssystem als hilfreich einstufen) und die Ergebnisse der Produkttests überein: eine ungefähre Angabe darüber, ob die jeweiligen Produkte hoch an Kalorien oder Zucker seien, kann in ~70% aller Fälle gemacht werden. Ein direkter Vergleich zweier Produkte stellt die Mehrheit der Probanden jedoch vor das unlösbare Problem, das gesündere Produkt zu ermitteln (~60%).

 

Diese und weitere Ergebnisse sind im Studienbericht der Fachhhochschule Münster zu finden                                                       (Quelle: https://www.fh-muenster.de/fb8/downloads/buxel/Studie_Naehrwertkennzeichnung.pdf).

 

Wie geht es jetzt weiter für die Nährwertkennzeichnung?

Generell kommen nicht-industriefinanzierte Studien meist zu dem Schluss, dass die prozentualen Empfehlungen und Richtlinien als Konzept versagen, da sie verbraucherunfreundlich sind. Bessere Resultate werden stets mit farblichen Kodierungsschemata erreicht. Dies überrascht nicht, da die Farbenlehre bei einigen ausgewählten Farben (so genannten Signalfarben, u.a. grün und rot) seit jeher homogene Reaktionen in allen Ländern, Schichten und Altersgruppen nachgewiesen hat. Aus Verbraucherschutz-Sicht ist somit die Einführung einer irgendwie gearteten Ampel auf Lebensmitteln unabdingbar. Aus Regulerungs-Sicht gibt es hier jedoch weitere Aspekte die zu beachten sind und die eine radikale Umgestaltung der Nährwertkennzeichnung leicht behindern. Momentan gibt es noch keine Produktkategorie-abhängigen Referenzwerte für den Wechsel von grün auf gelb und von gelb auf rot und damit einhergehend die implizite Empfehlung, ob ein gewisser Nährwert zu viel, mäßig oder passend enthalten ist. Hinzu kommt das Fehlen bestimmter weiterer Einflussgrößen auf den Nährwertgehalt, beispielsweise die Süße natürlicher Früchte als Kontributor zu einem erhöhten, dennoch wesentlich gesünderen, Zuckergehalt.

Diese und weitere Argumente haben bisher keinen Platz für die Ampel am Tisch der Europäischen Lebensmittelregulierung gelassen. Dies ist aber nicht zuletzt ein "Verdienst" der Lebensmittelhersteller Europas, insbesondere der großen Konzerne wie Danone, Coca-Cola oder Mars. Die einflussreiche Lobby, institutionalisiert in der Europäischen Allianz der Lebensmittel- und Getränkehersteller (CIAA), hat sich mit Nachdruck für ihr selbstentwickeltes System der GDAs eingesetzt und erfolgreich Strategien und Kampagnen gegen das Farbschema lanciert. Der Einfluss reicht bis nach Brüssel in die EU-Kommission und sorgte zuletzt im März dafür, dass jede Chance auf eine verpflichtende Ampelkennzeichnung auf EU-Ebene gekippt wurde (siehe hierzu den Blog-Eintrag vom 19. März).

 

 

Welche Form der Darstellung und der Kennzeichnung allerdings tatsächlich "besser" ist für den Verbraucher, das steht zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch in den Sternen geschrieben. Vermehrte Forschung sowie unabhängige Konsumenten- und Verbraucherstudien können hier einen wertvollen Beitrag leisten, um die Öffentlichkeit weiter aufzuklären und den Wissensstand entsprechend für die regulierenden Behörden aufzubereiten.

Last Updated on Monday, 03 May 2010 16:00
 

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