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sCALe - eine alternative grafische Darstellung der Nähwertangaben? PDF Print E-mail
News - News (Wissenschaft)
Written by Lars Ullerich   
Saturday, 30 January 2010 01:11

scale_smallNährwertangaben befinden sich üblicherweise als tabellenartige Auflistung auf der Lebensmittelverpackung. Dabei sind die Hauptenergieträger Eiweiß, Kohlenhydrate (davon Zucker..) und Fette (davon gesättigte..) als Grammangabe je 100 Gramm des Lebensmittels, je Portion und nach Guideline Daily Amount (GDA) aufgeführt. Kritisiert wird hierbei,

dass eine besonders einfache und schnelle Information darüber, was plakativ gesagt dick macht, daraus nicht abzulesen sei.

Um eine bekannte Alternative wird weiterhin heftig politisch gerungen: das Ampel-Kennzeichnungssystem. Vor allem Verbraucherschutzorganisationen plädieren für diese. Mit den Signalfarben rot, gelb oder grün für hohen, mittleren oder niedrigen Gehalt der Hauptenergieträger sei ohne Vorbildung eine schnelle Einschätzung darüber möglich, ob das Lebensmittel "gut" sei.

Beide Formen haben gewisse Vor- und Nachteile. Vereinfacht sei herausgestellt: Das GDA-System und die Ampel setzen eine Art Standardmensch voraus, für den bestimmte Mengen dieser Nahrungsbestandteile "gut" bzw. "schlecht" seien. Dass es einen solchen Standardmenschen aber nicht gibt, ist trivial. Es ist darüberhinaus sicherlich nicht einfach, einen Kompromiss zu finden zwischen der extremen Vereinfachung durch die Ampel und trocken daherkommenden Detailangaben mit der Abkürzung GDA, unter welchem sich viele kaum etwas vorstellen können.

Die Firma EgoFit Gesundheitsberatung GmbH lancierte kürzlich eine alternative, grafische Darstellung des Nähwertgehaltes von Nahrungsmitteln: das sCALe-System.

scale

Im Fokus steht dabei die Kilokalorie: jeweils 100 kcal symbolisieren 1 cm eines farbigen Balkens. Die Farben rot, grün und gelb stehen dabei für die drei Energieträger Proteine, zucker und Fette. Dadurch werden auf einen Blick die kcal sichtbar, ein langer Gesamt-Balken bedeutet daher "Vorsicht". Die Bedeutung der Farben als Signalfarben muss man sich hierbei wieder abgewöhnen.

Besonders für Kalorien-fixierte Athleten scheint dieses System sehr praktisch zu sein. Auch für den Normalverbraucher?

Im Detail werden mögliche Schwachstellen dieses Systems deutlich. Es beginnt mit der Kilokalorie - sie ist keine internationale Standardeinheit und darf nicht einmal gegenüber einer Kilojoule-Angabe hervorgehoben sein. Alleine deshalb erscheint das System, wenn auch beim deutschen Verbraucher möglicherweise intuitiver als eine Joule-Angabe, derzeit nicht einsetzbar.

Desweiteren wird damit eine Kilokalorie aus Proteinen im Grunde gleichgesetzt mit einer Kalorie aus Fett. Was hier aber für den Körper "gesünder" sei, möge dahingestellt sein. Nicht ohne Grund basieren sowohl das GDA-System als auch die Ampel auf Gramm-Angaben je Energieträger - die Gleichstellung der Kilokalorien berücksichtigt nicht die unterschiedliche Bioverfügbarkeit, beziehungsweise die physiologische Bedeutung. Insbesondere ein hoher Proteingehalt muss keine schlechte Eigenschaft eines Lebensmittels sein. Zucker und Proteine besitzen aber fast gleich viele Kalorien pro Gramm, daher würden die Balkenanteile gleich gross erscheinen. Fette hingegen würden vermutlich leichter als potentielle Dickmacher erkannt: 10g Fett bedeuten immerhin 90 kcal, 10g Zucker aber 40 kcal, der Balken für Fett wäre also mehr als doppelt so lang falls gewichtsmäßig gleich viel Zucker wie Fett enthalten ist.
Ähnlich gelagert ist das Problem der "schlechten" Kohlenhydrate (Zucker) und der "schlechten" Fette (gesättigte Fettsäuren), die nach dem Scale-Verfahren auf der Packungsvorderseite die Balkengesamtlänge aber nicht beeinflussen. Ranziges Frittenfett hätte daher einen gleich langen Balken auf der Vorderseite wie ein Rapsöl mit überwiegend ungesättigten Fettsäuren.

Schliesslich sei noch bemerkt, dass es zwar intuitiv klingt, dass ein langer Balken viel Kilokalorien symbolisiert - aber durch geschickte Verpackungsgestaltung kann enorm viel getrickst werden. Durch optische Rafinessen wie Querstreifen oder eine insgesamt große Verpackung kann die Balkenlänge optisch kleiner erscheinen als auf neutralem Hintergrund. Zudem: wie durchführbar ist es, auf einer kompakten Tafel Schokolade (circa 500 kcal pro 100g) einen 5 Zentimeter großen Balken zu plazieren? Und wie praktikabel ist es, einen nur winzig kleinen Balken zu platzieren und kenntlich zu machen? Eine Packung Lasagne Bolognese kommt nur auf einen Balken von 1,5 Zentimeter (150 kcal/ 100g).

Man darf gespannt sein, ob dieses neue Format Aufmerksamkeit erregt, welches Geschäftsmodell damit verfolgt werden soll, und ob es noch weitere, wissenschaftlich fundierte Ansätze zur grafischen Gestaltung der Nährwertangaben geben wird.

 

***Nachtrag: Wir freuen uns sehr, dass Herr Jörg Tomczak, Geschäftsführer von EgoFit, diesen Artikel kommentiert, s.u.***

Last Updated on Sunday, 31 January 2010 10:54
 
Comments (1)
Idealist & GF
1 Saturday, 30 January 2010 18:30
Sehr geehrter Herr Ullerich,

da Sie der erste mir nicht bekannte Mensch sind, der sich in dieser ansatzweise intensiven Art mit unserer sCALe - Kennzeichnung gedanklich befasst, möchte ich Ihnen, quasi aus Freude und Anerkennung, auch direkt (habe Ihren Beitrag grade gelesen) antworten, soweit ich Ihren Beitrag als fragend bzw. nicht-wissend empfinde.
Mit der IE [kcal] haben Sie durchaus im Prinzip recht, es wird jedoch von der ENVI, der Fachkommission der EU für die Lebensmittelkennzeichnung definitiv die "Kalorie" für den Energiegehalt der Nahrungsmittel favorisiert.
Über die "physiologische" Bedeutung der Energieträger ließe sich sehr ausführlich diskutieren. Nicht jetzt.
Sie haben völlig recht, die sCALe bewertet nicht. Sie ist eine maximal simple, sachliche Visualisierung der wesentlichen Eigenschaft eines Nahrungsmittel, nämlich der Quantität des Energiegehaltes.
Das gesundheitsrelevante Fehlverhalten einer (zu) hohen Zahl an Mitbürgern in Bezug auf die fehlende Balance zwischen Energiezufuhr und dem Energieverbrauch halte ich für primär wesentlich. Im Besonderen führt genau dieses Fehlverhalten zu Belastungen des gemeinschaftlichen, noch solidarischen "Gesundheitshaushalts" in Milliardenhöhe (jenseits der 30.000.000.000 €).
Dafür, denke ich, lohnt es sich darüber nachzudenken, welche Maßnahmen dazu beitragen können, dieses fatale Geschehen zu vermindern. Die diesbezüglich "kohärente" Kennzeichnung von Lebensmitteln halte ich für eine durchaus wichtige Gegenmaßnahme.
Ihre weiteren Ausführungen zu "Zucker" und "gesättigten Fettsäuren" und deren mögliche Abbildungen im Rahmen eine sCALe - Kennzeichnung werden ausführlich auf der (zugegeben) sehr umfangreichen Internet-Seite http://www.egofit.de/scale.php diskutiert.
Insbesondere empfehle ich Ihnen den Artikel zur Didaktik der Lebensmittelkennzeichnung.
Ich bedanke mich nochmals für Ihren konstruktiven Beitrag und wünsche mir mehr Beiträge von Ihrer sachlichen Art der Auseinandersetzung mit diesem Thema.

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